Wie funktioniert eigentlich Schule? Ein Überblick für Eltern

In meinen Jahren als Grundschullehrerin und auch noch heute im Gespräch mit Eltern, stelle ich immer wieder fest, das das System Schule oft so etwas ist wie ein Buch mit sieben Siegeln.

Begriffe wie „pädagogische Maßnahmen“, „Ordnungsmaßnahmen“, „BFZ“ oder „Schulpsychologie“ wirken abstrakt, bleiben aber folgenreich für den Alltag. Auf Elternseite entsteht dann oft eine große Unsicherheit. Nicht, weil Eltern sich nicht kümmern, sondern weil Schule selten erklärt, wie sie eigentlich arbeitet.

Deshalb versuche ich in diesem Artikel einen strukturierten Überblick darüber zu geben, wie Schule auf Schwierigkeiten reagiert, welche Hilfen Eltern nutzen können und wo die Grenzen des Systems liegen.

Warum Eltern Schule oft nicht verstehen

Viele Abläufe in Schule bleiben nach außen unklar. Elternabende geben meist organisatorische Einblicke, aber kaum Systemwissen. Unsere Kinder sind diejenigen, die dort täglich sitzen. Wir als Eltern sind nicht mehr so eingebunden und es entsteht schon dadurch eine wahrgenommene Distanz.

Die wenigsten von uns haben Lust ganze Schulordnungen oder Paragraphen aus dem Schulgesetz zu lesen, obwohl diese verbindlich regeln, wie Schule handeln darf. Ich habe das auch nur dann gemacht, wenn ich es wirklich musste.

Meistens fällt dieses Wissen im Alltag auch nicht ins Gewicht- so lange in Schule alles wie von selbst läuft. Treten in irgendeinem Bereich Schweirigkeiten auf, spielt das Verhältnis zur Klassenlehrkraft eine große Rolle, denn sie ist zumeist die erste Ansprechperson und kennt unser Kind am besten. Fehlt das nötige Vertrauen, fällt Nachfragen schwer und wenn ich die Abläufe nicht kenne, entsteht Unsicherheit.


Grundprinzipien: Pädagogische Maßnahmen und Ordnungsmaßnahmen

Schule unterscheidet klar zwischen zwei Ebenen:

Pädagogische Maßnahmen– was im Alltag wirklich passiert

Darunter versteht man alltägliche Reaktionen der Lehrkraft zur Unterstützung, Klärung oder Stabilisierung. Hier findest du eine allgemeine Definition und Beispiele:
https://lexmea.de/de/gesetz/schulg-nrw/53

Ziel: Orientierung, Beziehungsklärung, Wiederherstellung von Lernfähigkeit.

Pädagogische Maßnahmen gehörten zu meinem Schulalltag wie die Luft zum Atmen. Dort, wo junge Menschen zusammenkommen und erst lernen, wie ein gemeinsames Miteinander funktionieren kann, entstehen meist täglich Konflikte- kleine und auch große.

Typische Besipiele aus meinem Unterricht:

  • kurze Gespräche mit Kindern nach Regelbrüchen
  • Reflexionsfragen: „Was brauchst du jetzt, damit es weitergeht?“
  • Auszeiten im Flur bei offener Tür
  • Umsetzen eines Kindes/ der ganzen Klasse
  • Streitschlichtergespräche
  • Wiedergutmachung nach Konflikten
  • kurze Hinweise an Eltern im Hausaufgabenheft
  • telefonische Rückmeldungen

Viele Kinder sind überreizt durch den Geräuschpegel und auch überfordert von Gruppendynamiken. Die Auszeiten dienen hier dem Schutz des Kindes, nicht der Strafe. Manchmal brauchte es einfach mal 5 Minuten Zeit für sich und danach konnte es weitergehen.

Missverständnis:
Viele Eltern deuten diese Maßnahmen als Sanktion, obwohl sie pädagogisch gedacht sind – als Unterstützung, nicht als Strafe.

Ordnungsmaßnahmen– wenn Schule rechtlich handeln muss

Hierbei handelt es sich um formale, rechtlich geregelte Eingriffe der Schule, wenn pädagogische Maßnahmen nicht ausreichen. Sie stellen sozusagen den nächsten Schritt dar.
Übersicht:
https://www.schulgesetz-berlin.de/berlin/schulgesetz/teil-v-schulverhaeltnis/abschnitt-iv-massnahmen-bei-erziehungskonflikten/sect-63-ordnungsmassnahmen.php
Alternative klare Übersicht (BW):
https://rp.baden-wuerttemberg.de/gesellschaft/schule-und-bildung/richtlinien/schulrecht/erziehungs-und-ordnungsmassnahmen/

Ziel: Schutz der Ordnung und Sicherheit des schulischen Miteinanders.

Ordnungsmaßnahmen greifen tiefer ein und folgen einem festen Verfahren. Die Ordungsmaßnahmen erfolgen schriftlich in Form eines Briefes, der von den Eltern gegengezeichnet werden muss. Dabei wird je nach „Schwere“ des Vorfalls eine Maßnahme verhängt. Zumeist gibt es erst die Androhung einer Maßnahme, wie den Ausschluss von einem Ausflug. Sollte es dann zu weiteren Vorfällen kommen, erfolgt die Umsetzung des Ausschlusses- ebenfalls wieder in schriftlicher Form dokumentiert.

Mögliche Maßnahmen (je nach Bundesland):

  • Nachsitzen
  • schriftlicher Verweis
  • Ausschluss von Unterricht
  • Ausschluss von Ausflügen
  • Umsetzung in andere Klasse
  • in Ausnahmefällen: Suspendierung oder Schulwechsel

Formales Verfahren und Elternrechte:
https://www.rechtsanwaltskanzlei-winkler.de/rechtsgebiete/schulrecht/schulische-ordnungsmassnahmen/

In der Praxis erleben Eltern diese Schreiben oft als Schock.
Sie können Angst, Schuldzuweisungen und starke Emotionen auslösen und führen meist zu Hilflosigkeit. Die Kinder, die ich im Grundschulbereich erlebt habe, waren häufig von ihrem eigenen Verhalten erschreckt. Den Brief und die Maßnahme haben sie als Druck wahrgenommen. Er hatte eine abschreckende Wirkung, aber eine nachhaltige Verhaltensänderung entstand dadurch selten.

Deshalb kann ich aus meiner Erfahrung sagen: Ordnungsmaßnahmen helfen nur dann, wenn sie mit pädagogischer Begleitung verbunden werden. Eine gute Eltern-Lehrer- Kommunikation ist hierfür die Basis. Andernfalls führen sie zu Stress statt zu Orientierung.

Schulpsychologie – hilfreich, aber überlastet

Aufgaben der Schulpsychologie:
https://schulpsychologie.hessen.de/

Bundesweite Übersicht:
https://schulpsychologie.de/

Ich habe die Schulpsychologie regelmäßig hinzugezogen, wenn unklar war, wo ein Kind innerlich blockiert.
Der Ablauf war meist ähnlich:

• Wartezeit 2–3 Monate
• Besuch im Unterricht
• Rückmeldung an Lehrkraft
• Vorschläge für Umgang und Förderung
• später ein Gespräch mit Eltern

Realität: Termine wurden oft kurzfristig verschoben, weil akute Fälle Vorrang hatten.
Schulpsychologie kann entlasten – aber sie ist nicht für langfristige Begleitung ausgelegt. Eltern erwarten oft mehr, als das System leisten kann.

BFZ – Beratung und Förderung im System

Definition und Rollen:
https://www.gemeinsamleben-hessen.de/inklusion/bfz
Abgrenzung zu Teilhabeassistenz:
https://www.gemeinsamleben-hessen.de/en/inklusive-beratung-und-koordination/bildung/abgrenzung-tha-und-bfz-stunden

Das BFZ war für mich oft die erste Anlaufstelle. Es war niedrigschwelliger und präsenter als die Schulpsychologie.

Ein typischer Ablauf:
• Lehrkraft erkennt Förderbedarf
• Eltern geben Einverständnis
• mehrseitiger Antrag mit Dokumentation
• Unterrichtsbeobachtung
• Einzel- oder Gruppendiagnostik
• Auswertungsgespräch

Eltern fühlten sich meist gut aufgehoben.
Die Grenzen zeigten sich jedoch in der Praxis: wenige Stunden pro Woche, viele Ausfälle, dadurch wenig Kontinuität.

BFZ gibt Orientierung – aber keine tiefgreifende, dauerhafte Veränderung.

Teilhabeassistenz / Schulbegleitung

Offizielle Information Hessen:
https://www.gemeinsamleben-hessen.de/inklusion/teilhabeassistenz
Rechtsgrundlage für seelische Teilhabe:
https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_8/__35a.html

Viele Eltern wissen nicht, dass ihr Kind Anspruch auf eine Schulbegleitung haben kann – bei körperlichen, geistigen oder sozial-emotionalen Beeinträchtigungen.

Wesentliche Punkte:
• Eltern stellen den Antrag beim Jugendamt/Sozialamt
• THA ist Teilhabe, nicht Förderung
• Aufgabe: Orientierung geben, Struktur halten, emotional begleiten
• häufige Wechsel der Assistenz können belastend sein
• bei guter Passung entsteht deutliche Entlastung

Ich habe erlebt, wie stabilisierend eine verlässliche Schulbegleitung sein kann – besonders bei Kindern, die im sozialen Miteinander schnell überfordert sind.

Auszeitklassen, Lerninseln und Rückzugsräume

Viele Schulen versuchen eigene Lösungen für Überlastungssituationen zu entwickeln.

Häufig genutzt:
• Arbeiten im Flur bei offener Tür
• kurzer Rückzug an einen separaten Tisch
• Lerninseln als Zwischenraum

Eine Auszeitklasse ist dagegen ein formelles Angebot.
Sie richtet sich an Kinder, die im Regelsystem dauerhaft überfordert sind.
Plätze sind begrenzt.
Ziel ist die Rückführung ins Regelsystem.

Diese Maßnahmen können helfen, Überreizung und Eskalationen zu vermeiden – sie ersetzen aber kein Beziehungsklärungs- oder Förderkonzept.

Wo die Grenzen des Systems liegen

• Ressourcenmangel
• überlastete Fachstellen
• lange Wartezeiten
• viele beteiligte Personen → wenig Kontinuität
• hoher Lärm- und Reizpegel
• steigender Förderbedarf

Für Eltern bedeutet das:
Sie können nicht darauf warten, dass Schule alle Probleme löst.
Systemische Stabilität beginnt im eigenen Familiensystem.

Was Eltern wirklich tun können

• früh kommunizieren
• pädagogisches vs. ordnungsrechtliches Handeln verstehen
• nicht auf Schuld, sondern auf Dynamik schauen
• Förderwege realistisch einschätzen
• eigene Regulation stärken (Spiegelneuronen)
• Unterstützung frühzeitig nutzen – nicht erst in der Krise

Linksammlung: Wichtige Orientierungspunkte für Eltern

Wenn du dich noch weiter informieren möchtest, habe ich hier zu den verschiedenen Bereichen noch Links für dich zusammengestellt. Viel Spaß beim Stöbern!

1. Pädagogische & Ordnungsmaßnahmen

Pädagogische Maßnahmen – Definition
https://lexmea.de/de/gesetz/schulg-nrw/53

Nützlich, wenn du wissen willst, was Lehrkräfte im Alltag dürfen.

Ordnungsmaßnahmen – rechtlicher Überblick
https://rp.baden-wuerttemberg.de/gesellschaft/schule-und-bildung/richtlinien/schulrecht/erziehungs-und-ordnungsmassnahmen/

Hilfreich bei offiziellen Schreiben oder Verweisen.


2. Schulpsychologie

Schulpsychologie Hessen
https://schulpsychologie.hessen.de/

Wenn du eine schulnahe Diagnostik oder Beratung brauchst.

Bundesverband Schulpsychologie
https://www.bundesverband-schulpsychologie.de/ueber-uns/schulpsychologie

Wenn du die Aufgaben der Schulpsychologie verstehen möchtest.


3. BFZ – Beratung und Förderung

BFZ Hessen
https://www.gemeinsamleben-hessen.de/inklusion/bfz

Wenn Lernschwierigkeiten auftreten oder Förderplanung nötig ist.

Abgrenzung THA vs. BFZ
https://www.gemeinsamleben-hessen.de/en/inklusive-beratung-und-koordination/bildung/abgrenzung-tha-und-bfz-stunden

Wenn du klären willst, welche Hilfeform passt.


4. Teilhabeassistenz / Schulbegleitung

THA Hessen
https://www.gemeinsamleben-hessen.de/inklusion/teilhabeassistenz

Wenn dein Kind den Schulalltag ohne Begleitung nicht bewältigt.

§35a SGB VIII – Gesetzliche Grundlage
https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_8/__35a.html

Wenn du prüfen willst, ob „seelische Teilhabe“ vorliegt.


5. Elternrechte & Nachteilsausgleich

Elternrechte – Bildungsserver
https://www.bildungsserver.de/Elternrechte-3960.html

Wenn du wissen willst, welche Rechte du in Gesprächen hast.

Nachteilsausgleich Hessen
https://www.kultusministerium.hessen.de/schulsystem/inklusion/nachteilsausgleich

Wenn du prüfen willst, ob dein Kind Anspruch auf Ausgleichsmaßnahmen hat.

Interessierst du dich für die Themen Förderplan und Nachteilsausgleich, dann kannst du in meinem Artikel „Förderplan & Nachteilsausgleich in der Grundschule- einfach erklärt für Eltern“ weiterlesen.

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